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LiebensWerte Wir beziffern das größte Gefühl der Welt. Ganz einfach.
und so funktioniert‘s

“Ich habe Blickkontakt mit dem Baby vermieden”

Neun Monate lang hat die 23-jährige Berlinerin Helen F.* ihr Geheimnis für sich behalten. Aus Scham. Aus Angst. Aus Feigheit. Niemand sollte etwas mitbekommen. Und niemand hat etwas mitbekommen. Doch schließlich haben ihre Gefühle sie überwältigt. Die Gefühle für ihren neugeborenen Sohn, den sie nach einer ungewollten Schwangerschaft im Krankenhaus gebären und dann zur Adoption freigeben wollte. Doch aus totaler Ablehnung wurde die stärkste Liebe, die sie je empfunden hat. Sie behielt ihr Kind.

Jetzt erzählt sie LiebensWerte ihre ergreifende Geschichte.

LiebensWerte: Bis vor zwei Jahren lief Ihr Leben wie geplant. Sie haben Politikwissenschaften studiert, wollten ins Ausland gehen. Doch dann kam die Schwangerschaft. Warum haben Sie das geheim gehalten?

Helen F.: Der Plan war Abi, Studium, Ausland. Ein Kind kam einfach nicht in Frage. Und ich habe mir damals nicht zugetraut, die Mutterrolle angemessen auszufüllen. Außerdem habe ich mich vor meiner Familie geschämt. Ich hatte Angst, es meiner Mutter zu erzählen. Unser Verhältnis war ohnehin schon eher kühl.

Hat denn neun Monate lang niemand gemerkt, dass Sie schwanger sind?

Nein. Ich habe mich vom Vater des Kindes getrennt und eine Zeit lang bei meiner Schwester gewohnt. Selbst die hat es nicht gemerkt. Ich legte ja kaum zu. Meine Betreuerin sagte später, dass psychische Verdrängung zu einem sehr kleinen Babybauch führen kann.

Kam eine Abtreibung nicht in Frage?

Als ich gemerkt habe, dass ich schwanger bin, war es schon zu spät. Deshalb wollte ich dann alleine im Krankenhaus entbinden. Aber ich war mit der Situation überfordert und habe Unterstützung gebraucht.

Von wem erhielten Sie diese?

Ich bin in letzter Minute, erst am Tag der Geburt, auf das Angebot einer anonymen Geburt von SterniPark gestoßen und habe dort angerufen. Deren Betreuerinnen begleiten die Geburt und versorgen das Kind anschließend acht Wochen lang in ihren Einrichtungen in Hamburg. So lange hat man Zeit, sich für oder gegen das Baby zu entscheiden.

Wie haben Sie die Momente nach der Geburt erlebt?

Ich habe jeden Blickkontakt mit dem Baby vermieden, wollte bloß keine Verbindung aufbauen.

Aber dann, kurz nach der Geburt, haben sich die Muttergefühle gemeldet…

Und wie! Plötzlich habe ich erkannt, dass das mein eigener Sohn ist, den ich aus der Hand gegeben hatte. Ich hatte regelrecht Sehnsucht nach ihm. Mir wurde klar, dass ich ihn nicht abgeben kann. Ich konnte diese Idee nun nicht mehr ertragen.

Können Sie diese Gefühle beschreiben?

Da war auf einmal eine Verbindung zu etwas, was nicht da war. Es hat etwas gefehlt, das zu mir gehört. Ich hatte das extreme Gefühl, für diesen Menschen da sein zu müssen. Da habe ich gemerkt: Mutterliebe ist die stärkste Liebe, die man haben kann. Sie ist einfach unbeschreiblich.

Also haben Sie sich anders entschieden?

Ich habe meiner Familie gesagt, dass ich ein Kind habe und es auch behalten will. Der Schock war natürlich groß. Aber es hat sich alles zum Positiven gewendet. Meine Mutter war für mich da. Das Gefühl hatte ich bei ihr vorher nie.

Wann haben Sie Ihren Sohn bei SterniPark abgeholt?

Zwei Tage nach der Geburt hat mich mein Vater nach Hamburg gefahren. Mein Söhnchen im Arm zu halten – das ist bis heute der bewegendste Moment, den ich zusammen mit meinem Kind gehabt habe. Gleichzeitig war ich aber auch traurig, weil da alles, was ich ihm angetan hatte, wieder hochkam.

Sind Sie heute mit sich als Mutter zufrieden?

Ich frage mich schon immer wieder, was ich besser machen könnte. Aber mein Sohn ist ein sehr glückliches Kind. Und je mehr er mir das zeigt, desto sicherer bin ich mir meiner Sache. Vor allem meine Schwester und mein Vater unterstützen mich. Ohne die geht es auch nicht, denn ich studiere seit Oktober 2012 wieder – jetzt Jura.

Was raten Sie werdenden Müttern, die in der gleichen Situation sind wie Sie?

Sie müssen sich unbedingt ihrer Familie anvertrauen. Das nicht zu tun, ist der größte Fehler, den man in solch einer Situation machen kann. Bei mir war auch ein Stück Feigheit dabei. Wenn ich gleich mit meiner Familie geredet hätte, wäre ich vielleicht gar nicht in so eine Lage geraten. So ein Menschenwesen abzugeben, das hätte ich mir nie verziehen. So etwas bereut man sein Leben lang. Das kann man jeder Schwangeren nur ans Herz legen.

*Name geändert

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