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“Du kannst Sex verändern”

Pornografie wird weiblicher. Der Großteil der Besucher auf Porno-Webseiten ist nach wie vor männlich, doch die Zahl der Frauen steigt stetig. Mit ihnen verändert sich auch das Angebot. Die Porno-Industrie versucht, sich vom sexistischen Image zu lösen.

Erste Produzentinnen drehen Pornos anhand feministischer Kriterien. In Berlin initierte die “Sex-Expertin” und Kommunikationswissenschaftlerin Laura Méritt den “PorYes”-Award, mit dem alle zwei Jahre feministische Pornos ausgezeichnet werden. Wie die Kriterien für feministischen Porno aussehen, warum auch in solchen Filmen Blondinen mit draller Oberweite gezeigt werden dürfen und warum Frauenporno der falsche Begriff ist, erklärt die 52-Jährige im Interview.

LiebensWerte: Unterscheiden sich Mann und Frau hinsichtlich der Sehgewohnheiten und Einstellungen, wenn es um Pornos geht?

Laura Méritt: Die sind von Person zu Person unterschiedlich, aber prinzipiell doch relativ normiert, weil wir in einer sehr visuellen Kultur leben. Die Mehrzahl der Bilder geht in eine bestimmte Richtung. Wenn man sich die Frauenkörper in der Werbung anschaut, dann gibt es da nicht viel Vielfalt. Genauso ist es auch bei der Sexualität. Der Blick auf Sexualität ist normiert und gesellschaftlich bestimmt. Je nach Kultur oder Zeit ist er unterschiedlich. So ist es auch bei den Geschlechtern und den Rollen der Geschlechter. Die sind zwar veränderbar, aber in bestimmten Zeiten, in einer bestimmten Kultur sehr an ein gewisses Bild gebunden.

Mit dem “PorYes”-Award werden feministische Pornos ausgezeichnet. Aber wie groß ist der Markt für diese Filme?

Es ist sicherlich ein Bereich, der noch wächst. Ganz randständig ist er aber nicht mehr. Vor rund zehn Jahren ist der Wunsch nach einer anderen Erotik laut geworden. Das gab es zwar auch schon vorher, aber mit der technologischen Revolution bieten sich andere Möglichkeiten, solche Filme anzubieten. Außerdem wurde der Boden von der Frauenbewegung geebnet, dass jetzt mit dem Gespritze auch mal gut ist. In den vergangenen zehn Jahren hat sich viel getan. Der herkömmliche Pornomarkt flacht ab, weil die meisten Leute keine Lust mehr haben, Filme zu kaufen, sondern nur noch online gehen und da alles umsonst bekommen. Was aber gekauft wird, sind qualitativ hochwertige Filme – unsere Filme, die den feministischen Kriterien entsprechen. Das, was wir PorYes nennen.

Wenn der Wunsch nach solchen Filmen auch schon vorher da war, wieso gab es diese Art von Filmen dann nicht?

Die gab es natürlich auch, aber die waren nicht so bekannt. In den 60er und 70er Jahren gab es eine sexpositive Bewegung. Sexpositiver Feminismus war der Flügel in der Frauenbewegung, der gegen Sexismus sowie Rassismus war und ein Angebot machen wollte, wie es denn anders aussehen kann. Sie wollten einen anderen Zugang in der Sprache, in den Bildern, in den Verhaltensweisen – anders als das, was Mainstream ist. Sie haben Aufklärungsfilme gemacht oder Bücher über einen positiven Zugang zum Körper, zur Sexualität, zum eigenen Gefühl. Denn nur, wenn man Wissen über seinen Körper hat, kann man verschiedene Erfahrungen machen und hat ein größeres Spektrum von Erfahrungsmöglichkeiten. Die Akteurinnen der Frauengesundheitsbewegung waren die ersten, die Filme über Sexualität gemacht haben, die ganz klar pornografisch waren. Dann kamen die ganzen Experimentalfilmerinnen, die den Körper auseinandergenommen haben. Die sind mit den unterschiedlichsten Kameras überall reingeschlüpft.

Später gab es dann aber das „Puzzy Power“-Manifest mit den Richtlinien für feministische Pornos. Dort werden Naheinstellungen strikt abgelehnt. Wie passt das zusammen?

Das muss man zeitbedingt sehen. Das „Puzzy Power”-Manifest kam im Jahr 2000. Dort wurde provokativ das formuliert, was vorher diskutiert wurde: Dass Frauen eine Geschichte im Porno haben wollen und es auch humorvoll sein darf. Von vielen wurde das anschließend als in Stein gemeißelt hingenommen. Als ob alle Frauen immer eine Geschichte im Porno haben wollen oder niemals eine Naheinstellung sehen möchten.

Das Manifest ist also nicht als strenge Richtlinie zu sehen?

Nein. Es war mehr eine Art Gegenmanifest. Wenn es immer nur Pornos gibt, die zusammenhangslos sind und Naheinstellungen zeigen, kommt irgendwann die Gegenbewegung, die sagt: “Wir wollen immer eine Geschichte drumherum und die nächsten 20 Jahre dürfen Pornos ohne Spritz ins Gesicht auskommen. Jetzt wollen wir was anderes.” Das heißt aber nicht, dass man partout alles ablehnt. Es geht darum, dass wir keine Norm wollen. Wir wollen Vielfalt! Natürlich wird man auch in feministischen Pornos Blondinen mit großer Oberweite sehen, denn es gibt nun einmal Frauen, die so aussehen.

Was zeichnet denn für Sie persönlich einen feministischen Porno aus?

Die drei Hauptkriterien der feministischen Porno-Bewegung sind: 1. Die Lust der Frau muss auch zu sehen sein. Die Lust aller Geschlechter soll zu sehen sein. 2. Vielfalt in der Art und Weise, wie Lust gezeigt und praktiziert wird. Vielfalt bei den Körpern, bei den Kameraeinstellungen, andere Kulturen zeigen, andere Altersgruppen – Vielfalt, Vielfalt, Vielfalt! 3. Gute Arbeitsbedingungen, wie in anderen Jobs auch. Die Leute sollen sich am Set ausruhen können, weniger Druck verspüren und nicht ausgebeutet werden.

Schauen Frauen Pornos aus anderen Gründen als Männer?

Das ist eine Sache der Konditionierung. Sexualität ist in unserer Gesellschaft leider sehr stark geschlechterpolarisierend. Im Mainstream-Porno sieht man das ganz deutlich. Es ist immer sehr übertrieben: XXL-Varianten an Geschlechtsorganen und die sind immer ganz klar zuordenbar. Großer Schwanz – Mann. Große Titten, große Möse – Frau. Das ist eine extreme Polarisierung. Wenn man diese Polarisierung wegnimmt, kann jedes Geschlecht solche Filme in allen Varianten gucken und genau darum geht es uns. Wir wollen weg davon, dass man, „nur“ weil man eine Frau ist, eine Geschichte, Romantik, schöne Bilder und Kerzenschein dazu braucht und der Mann muss dauernd durchvögeln, weil er so notgeil ist. Das sind Geschlechterklischees, die gerne reproduziert werden, die aber nichts mit der wirklichen Vielfalt des Lebens zu tun haben.

Ist es dann nicht falsch, dass diese Filme meistens „Frauenpornos“ genannt werden?

Ja, ist es. Es sind Pornos für alle. Der Feminismus ist ja auch für alle. Wir wollen nicht nur die Gleichberechtigung der Frau, sondern die Gleichberechtigung aller Geschlechter. Es ist wünschenswert, dass es nicht so kategorisiert wird, die Lust nicht so konditioniert und in Fetisch-Abteilungen aufgeteilt ist, sondern dass es mehr ein Miteinander ist. Nicht normiert, sondern alltäglicher. Dann muss ich mir nicht Filme mit nur großen Schwänzen oder nur behaarten Beinen angucken, sondern es sollte integriert sein.

Aber diese Fetischisierung gibt es doch, weil es Menschen gibt, die Vorlieben haben, die andere Menschen nicht teilen.

Aber wieso gibt es diese Vorlieben denn?! Das hat mit einer bestimmten Kultur, Kommerzialisierung und Ideologisierung zu tun, aber das ist in den verschiedenen Kulturen unterschiedlich. Zu verschiedenen Zeitaltern gibt es unterschiedliche Vorstellungen von Sexualität und von Körpern. Wenn man einen Markt in Kategorien, in konditionierte Lust aufteilt, dann wird das auch reproduziert. Das Totschlagargument der Sexindustrie ist dann immer: Wir machen nur das, was nachgefragt wird. Das ist totaler Quatsch. Kapitalismus funktioniert ja so: Wir bieten etwas an und sorgen dafür, dass es nachgefragt wird.

Ist es nicht viel zu spät, das Bild, das die Leute von Pornografie haben, verändern zu wollen?

Wir sprechen uns in zehn Jahren wieder, dann werden wir sehen, dass sich viel geändert hat. Das geht relativ schnell, weil wir ja auch eine lange Zeit hinter uns haben, in der viel verändert wurde. Alles ist veränderbar. Das ist das Schöne an Kultur und Gesellschaft. Du kannst verändern. Du kannst Sexualität verändern. Sogar in deinem eigenen Leben. Nichts ist zu spät!

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